Stoff & Falten
Falten in Stoff folgen einer simplen Logik: Schwerkraft + Materialcharakter. Zwei Stücke desselben Schnittes können komplett verschieden aussehen, je nachdem aus welchem Material sie sind. Vier Klassiker im Vergleich:
Die sieben klassischen Faltentypen (Hogarth)
- Pipe — vertikales Hängen, parallele Röhren
- Zigzag — Wechsel-Falten an Ellbogen, Knie
- Spiral — um zylindrische Form gewickelt (Ärmel, Hose)
- Half-Lock — wo der Stoff geknickt + dann gezogen wird
- Diaper — Stoff hängt zwischen zwei Aufhängepunkten
- Drop — vom Auflagepunkt frei runter
- Inert — Stoff liegt platt, keine aktive Spannung
Warum eigentlich? — Warum zeigt Seide so scharfe Highlights?
Seidenfasern sind extrem glatt und parallel — die Oberfläche reflektiert fast wie ein Spiegel. Das macht die specular Reflection scharf und ortsgebunden (du siehst das Highlight nur aus einem bestimmten Blickwinkel). Bei Baumwolle sind die Fasern verzwirbelt und kurz — die diffuse Reflection dominiert, das Highlight ist weich und breit.
Häufiger Denkfehler — Zu viele kleine Falten überall
Anfänger:innen malen oft jede denkbare Falte rein — besonders bei lockerem Stoff. Ergebnis: unruhiges Bild, kein klarer Form-Lese-Fluss. Faustregel: 3-5 Hauptfalten pro Stoffbahn, der Rest entsteht durch implizierte Schattierung. Less is more.
Tiefer rein — Faltenrichtung folgt dem Auflagepunkt
Jede Falte hat einen Ursprung — den Punkt, an dem der Stoff aufgehängt ist oder gezogen wird (Schulter, Taille, Hand, die einen Saum hält). Falten strahlen von dort aus. Vor jeder Detail-Falte erst den Ursprung markieren, dann Falten in Schwerkraft- oder Zug-Richtung zeichnen.
Geschichte — Burne Hogarth's Wrinkles & Drapery
Die sieben Faltentypen oben sind aus Hogarth's „Dynamic Wrinkles and Drapery" (1992). Das Buch ist immer noch der Standard-Referenz für Comic-Artists und Concept-Designer — die Logik gilt unverändert, egal ob du analog zeichnest oder in Procreate renderst.