CIMT — Constraint-Induced Movement Therapy
Eine der evidenzstärksten Reha-Methoden nach Schlaganfall — und konzeptionell radikal: die gesunde Hand wird mit einer Schiene oder einem Handschuh blockiert. Das zwingt den/die Klient:in, die betroffene Hand zu benutzen, auch wenn das mühsam ist. Resultat: massive kortikale Reorganisation.
Entwickelt von Edward Taub (UAB Birmingham) ab den 1980ern. Bricht das Phänomen „learned non-use" — nach Schlaganfall lernt das Gehirn, die schwächere Hand zu vermeiden, weil sie unzuverlässig ist; dieser Vermeidungs-Reflex verfestigt das Defizit zusätzlich zur eigentlichen Läsion.
Das Standardprotokoll
- Restriction — gesunde Hand für 90 % der Wachzeit in Schiene/Handschuh. Klingt brutal, ist aber essentiell — ohne die Restriktion fällt man sofort in alte Vermeidungsmuster zurück.
- Massed Practice — 6 Stunden pro Tag, intensives Üben der betroffenen Hand. Aufgaben sind funktional (Tasse halten, Schlüssel drehen, Knöpfe schließen) — nicht abstrakte Übungen.
- Shaping — Aufgaben werden in kleinste schaffbare Schritte zerlegt. Erfolg ist garantiert, dann schrittweise schwieriger. Belohnung sofort.
- Transfer Package — gezielte Strategien, das neu Gelernte in den Alltag zu übertragen. Tagebuch, Hausaufgaben, Familien-Coaching.
- Dauer: 2-3 Wochen, dann normalisiert sich die Reha — aber: in den 2-3 Wochen zeigt fMRT bereits messbare Cortex-Vergrößerung der betroffenen Hand-Region.
Wann eignet sich CIMT?
✅ Geeignet
Schlaganfall-Patient:innen mit mindestens 10° aktiver Handgelenk-Extension und 10° aktiver Finger-Extension. Heißt: die Hand muss noch ein Minimum an Bewegung haben — sonst kann sie nicht trainiert werden.
❌ Nicht geeignet
Komplette Plegie (gar keine willkürliche Bewegung) — hier erst Motor Imagery, Spiegeltherapie, oder EMG-Biofeedback, um überhaupt erst Ansteuerung zurückzubringen. Auch bei schwerer Spastik oder Schmerz nicht direkt einsetzbar.
⚙ Modifiziertes CIMT (mCIMT)
Wenn 6 h/Tag nicht realistisch sind: 2-3 h/Tag, 5×/Woche, 10 Wochen. Etwas geringere Effekte, aber besser durchhaltbar. Praxis-Standard in vielen Kliniken.
Warum eigentlich? — Warum funktioniert es so dramatisch?
Zwei Mechanismen wirken zusammen:
- Unterbrechung von learned non-use — der/die Klient:in muss die betroffene Hand benutzen, entdeckt dabei oft Fähigkeiten, die sie schon hatte, aber vermieden hatte.
- Massive kortikale Stimulation — 6h/Tag ist eine enorme Reiz-Dichte für die betroffene Hemisphäre. Neuroplastizität skaliert nicht-linear mit Reiz-Dichte: 5 h/Tag intensives Training bringt deutlich mehr als 10× 30 min verteilt.
Häufiger Denkfehler — "CIMT ist veraltet"
Im Gegenteil — CIMT ist eines der wenigen Reha-Protokolle mit einer Cochrane-Review-Bewertung „Strong Evidence" für die chronische Phase nach Schlaganfall. Was ältere Studien suggerierten (Wolf et al. 2006), wurde in den 2010ern repliziert und verfeinert. Was tatsächlich diskutiert wird, ist die Intensität (6h vs 3h vs 2h) und die optimale Phase (akut vs subakut vs chronisch).
Tiefer rein — Forced-Use vs. Shaping — die zwei Säulen
- Forced Use: gesunde Hand blockieren. Nötig, aber nicht ausreichend — manche Klient:innen sitzen einfach still, wenn sie die gesunde Hand nicht benutzen können.
- Shaping: aktive, sehr fein abgestufte Aufgaben für die betroffene Hand. Macht den Unterschied zwischen „mühsam aushalten" und „echte Plastizität".