Lichtechtheit (Blue Wool Scale)
Aquarell hängt nicht hinter Glas wie ein Ölbild — Papier saugt, Licht trifft direkt aufs Pigment. Manche Pigmente halten 100 Jahre, andere sind nach 2 Jahren am Fenster nicht wiederzuerkennen. Hier siehst du, was wirklich bleibt — und was nicht.
Blue Wool Scale ist der Standard: 8 Stoffstreifen, mit blauen Farbstoffen unterschiedlicher Stabilität gefärbt, werden belichtet. Streifen 1 bleicht in Tagen, Streifen 8 hält Monate. Aquarell-Pigmente werden gleich behandelt — ihr Wert sagt, welcher Stoffstreifen vergleichbar bleicht. ASTM D5067 ist die US-Variante: I (exzellent) bis V (nicht lichtecht).
Pigment-Vergleich über Zeit
Hansa Yellow Light (PY3)
ASTM IIBWS 6/819 % Verlust
Gut, aber das ältere PY1 (Hansa) bleicht — Achtung beim Kauf.
Opera Pink (BV10/Fluo)
ASTM VBWS 2/856 % Verlust
Fluoreszierend, knallt — bleicht in Monaten. Nur für Skizzen.
Übersicht: die häufigsten Aquarell-Pigmente
Phthalo Blue (PB15)ASTM IBWS 8/8100+ J
Ultramarine Blue (PB29)ASTM IBWS 8/8100+ J
Cadmium Red (PR108)ASTM IBWS 7/8100+ J
Quinacridone Rose (PV19)ASTM IBWS 7/8100+ J
Burnt Sienna (PBr7)ASTM IBWS 8/8100+ J
Hansa Yellow Light (PY3)ASTM IIBWS 6/850-100 J
Alizarin Crimson (PR83)ASTM IIIBWS 4/815-50 J
Aureolin (PY40)ASTM IIIBWS 3/815-50 J
Opera Pink (BV10/Fluo)ASTM VBWS 2/8< 2 J
Warum eigentlich? — Warum bleichen manche Pigmente so schnell?
Pigmentmoleküle absorbieren bestimmte Wellenlängen — das ist ihre Farbe. UV-Licht hat genug Energie, um chemische Bindungen aufzubrechen. Bei organischen Pigmenten (vor allem natürliche Farbstoffe wie klassisches Alizarin) zerfallen die Chromophor-Gruppen, die Farbe ist weg. Mineralische Pigmente (Ultramarin, Cadmium, Eisenoxide wie Burnt Sienna) sind chemisch stabil — sie können nicht zerfallen, weil sie schon im stabilsten Zustand sind. Faustregel: Mineralisch = lichtecht, organisch = es kommt drauf an.
Häufiger Denkfehler — Auf das Wort 'permanent' auf der Tube hereinfallen
Hersteller benutzen „permanent" als Verkaufsbegriff, nicht als Standard. Eine Tube „Permanent Rose" sagt nichts über die tatsächliche Lichtechtheit aus — die steht auf der Rückseite, oft klein gedruckt, als ASTM- oder Blue-Wool-Wert. Verlass dich auf die Zahlen, nicht auf den Marketing-Namen.
Tiefer rein — Was du als Aquarellist:in praktisch machst
- Skizzen und Studien: Lichtechtheit egal. Opera Pink, fluoreszierende Farben, klassisches Alizarin — alles ok.
- Verkaufsbilder, Geschenke: ASTM I und II. Quinacridone statt Alizarin, Hansa statt Aureolin.
- Original für Galerie/Sammler: nur ASTM I. Daniel Smith, Schmincke und Winsor & Newton listen das transparent auf ihren Websites.
- Schutz: UV-Schutzglas und nicht in direktes Sonnenlicht hängen verdoppeln die Lebensdauer. Aber kein Glas ersetzt ein schlechtes Pigment.
Geschichte — Wie das ASTM-Verfahren entstand
Die American Society for Testing and Materialsveröffentlichte 1985 den Standard D4303 (heute D5067), nachdem Restaurator:innen zu viele Aquarelle aus dem 19. Jh. retten mussten, deren Alizarin- oder Indigo-Schichten verblasst waren. Pigmente werden 100 Stunden in einer Xenon-Lampen-Kammer belichtet (entspricht ca. 20 Jahren Sonne hinter Glas) und der Farbverlust spektrometrisch gemessen.